Das Zartbitterchen 24.03.88

Eigentlich mochte Sue Schokolade nicht so gern, jedenfalls nicht so, dass sie übermäßig erfreut gewesen wäre, wenn man ihr eine Tafel ge­schenkt hätte.
Aber besonderen Abscheu empfand sie gegen Zartbitterschokolade. Ausgerechnet Zarbitterschokolade brachte ihre Tante Ruth, bei deren wöchentlichen Sonntagsbesuchen, mit.
Jeden Sonntag eine Tafel Zartbitter. Seit Sue’ s achten Geburtstag kam Tante Ruth pünktlich jeden Sonntag um 14 Uhr dreißig und brachte Sue eine schöne verpackte Tafel Zartbitterschokolade mit.
Sue war jetzt 19 Jahre alt.
Seit elf Jahren bekam sie nun ihre Zartbitterschokolade.
Das heißt, 132 Monate, 528 Wochen, also 528 Sonntage und somit 528 Tafeln Zartbitter.
Freudig lächelte Sue ihrer Tante Ruth entgegen, nahm dankend die 500 GRAMM Tafel in Empfang und dachte sich ihren Teil.
"Ach, was für ein reizendes Kind!" sagte Tante Ruth zum 529 mal.
"Wirklich entzückend, wie sich das Kind immer freut." wiederholte Tante Ruth mit einem Schmunzeln auf dem dicken Mund und ließ dabei ihre fetten Wangen auf und nieder hüpfen.
"Denkste!" dachte Sue. "Zartbitter, die ekeligste Schokolade die es überhaupt gibt."
Wie gewöhnlich, so musste Sue auch diesen Sonntag im Kreise der Fa­milie, das Päckchen auspacken und ein überraschtes Gesicht zeigen, wenn die Tafel Zartbitter zum Vorschein kam.
Gegen 18 Uhr kam dann die Erlösung, wenn sich Tante Ruth auf den Heimweg machte.

Sue ging dann in ihr Zimmer, kniete sich vor ihr Bett, griff darunter und holte eine riesige Pappschachtel hervor. Sorgsam nahm sie den Deckel ab und legte die neue Tafel Zartbitter zu den anderen 528 Tafeln.
"So mein Zartbitterchen. Hier hast du noch mehr Gesellschaft." sagte Sue und blickte dabei in die Pappschachtel.
In der Schachtel lagen halb weiche, feste, in Papier gehüllte Tafeln und welche ohne Papier.
"Langsam könnte der Scheiß ja aufhören !" tönte Sue halblaut vor sich her.

"Was soll ich mit Schokolade und vor allem mit Zartbitter? Ich hasse Zartbitter! Ich hasse Tante Ruth, ich wünschte sie würde mal an so einer verdammte Tafel ersticken. Wenn das so weitergeht erstickt die ganze Welt noch mal in Schokolade. In ekeliger Zartbitterschokolade. Oh wie ich meine Tante hasse und ihren Schokotick, Schokolade, Schokolade. Ich hasse Schokolade! Und dich am meisten!" brüllte sie in die Schachtel.

An diesem Abend ging Sue früh zu Bett.
Es war eine schöne Vollmondnacht in dieser Sonntagnacht.
Das Mondlicht schien in Sues Zimmer und traf die Schachtel mit den Tafeln Zartbitterschokolade, die Sue nicht wieder unter das Bett gescho­ben hatte.
So gegen Mitternacht begann die Schokolade feine, kleine Bläschen zu schlagen. Das Papier löste sich vollends von der Schokolade und die Tafeln verschmolzen zu einer einzigen, blubbernden Masse.
Langsam hob sich der Deckel der Pappschachtel und über den Rand quoll Schokolade. Eine zähe und zusammenpappende Masse Zartbitterschokolade aus 529 Tafeln.
Erst quoll nur ein bisschen hervor, dann wurde es immer mehr, bis die ganze Masse vor der Schachtel auf dem Boden lag.
Sachte kam Bewegung in die Masse. Sie schien sich in eine bestimmten Form zu verwandeln.
Kurz darauf hatte sie die Form einer Boa. Wie die gleichnamige Schlange schob sich die Masse vorwärts, weg von der Schachtel zum Kopfteil des Bettes hin.

Am Messingrahmen des Bettes schlängelte sich die dunkle, blubbernde Masse hoch, bis sie in Sue's Kopfhöhe war und ließ sich dann mit einem wabbelnden und glucksenden Geräusch auf Sue's Gesicht fallen.
"Mpf! Mpf!" mehr brachte Sue nicht mehr heraus, weil sich die Zart­bitter so fest um ihre Nase und ihren Mund geschlossen hatte, dass sie keine Luft mehr bekam.

Verzweifelt versuchte Sue die Zartbitter vom Gesicht zu kratzen, aber es war ihr nicht möglich.
Es war zu viel.
Ein Teil der Zartbitter legte sich um ihren Hals und wenige Sekunden später war Sue TOD.
Das Zartbitterchen, wie es Sue immer genannt hatte, zwängte sich durch den Türspalt und hinterließ nichts, außer ein paar braunen Flecken auf dem Gesicht einer Toten.
Sue's Vater David war in dieser Nacht von irgendeinem Geräusch aus dem Schlaf gerissen worden. Leise stieg er aus dem Bett, zog seine Hausschuhe an und nahm seine 45er aus der Nachttischschublade.
Vorsichtig schlich sich David auf dem Flur entlang und suchte sich in der Dunkelheit den Weg zur Treppe, die in das obere Stockwerk führte.
Nachdem er die ersten sechs Stufen hinter sich hatte sah er auf dem oberen Treppenabsatz eine Gestalt.
"Wer ist da?" rief er der Gestalt zu. "Sue, bist du es?" Aber er erhielt keine Antwort, nur ein paar glucksende und blubbernde Laute.
Die Gestalt begann die Treppe hinunter zu schlürfen.
"Halt! Ich schieße." schrie David der Gestalt zu.
Peng!
Der Schuss zerstörte die Stille und eine Kugel verließ den Lauf der 45er und traf die Gestalt.
Nichts geschah.
"Halt!" rief David erneut, doch die Gestalt schien nicht zu hören.
Er schoss das Magazin der 45er leer, aber dieses Etwas wirkte völlig unbetroffen.
Plötzlich sah David was auf ihn zukam.
Die Zartbitterschokolade hatte die Gestalt eines Cowboys angenommen.
"Glucks, Glucks!" machte der Cowboy und wie ein Blitz schoss ein Schwall Schokolade aus dem Teil der Gestalt, der den Mund darstellte und traf David mitten im Gesicht.
Davids Schmerzensschrei hallte durch das ganze Haus. Seine Haut löste sich von seinem Gesicht und er sank, von Schmerzen gepeinigt, zu Bo­den.

Das Zartbitterchen glitt die Treppe herab und schleimte über David hinweg, zu dessen Schlafzimmer. Davids Haut schlug am ganzen Körper Bläschen und fiel in Fetzen zu Boden, bis er TOD war.
Meggan, Davids Frau war inzwischen von den Schüssen wach geworden und erreichte zur gleichen Zeit die Schlafzimmertür, wie das Zartbitter­chen.

Meggan öffnete die Tür und blickte in ein schokoladenbraunes Etwas.
Ein schriller Ton entfuhr ihrer Kehle.
Sie wollte irgendwie an dem Zartbitterchen vorbei, um in den Flur zu gelangen. Geduckt lief sie unter einem Schokoladenarm vorbei, dabei tropfte etwas Schokolade auf ihre Ferse und die Haut begann sofort kleine, braune Bläschen zu schlagen. Meggan lief die Treppe hinauf, um zum Dachboden zu gelangen.
Immer wieder nach hinten blickend, stolperte sie vorwärts. Das Zartbit­terchen folgte ihr dicht.
Auf dem Dachboden schloss sie sich in einer alten Abstellkammer ein und wartete.
Es herrschte absolute Stille.
Plötzlich sah sie, wie etwas braunes unter der Tür hervorquoll.
Meggan schrie laut, aber es verschwand nicht.
Mehr und mehr kam unter der Tür hervor. Sie wich immer weiter zu­rück, bis kein Platz mehr vorhanden war. Das Zartbitterchen näherte sich ihr immer mehr und formte sich zu einer Gestalt, die wie Tante Ruth aussah.
Meggan nahm einen alten Stuhl und zerschlug damit das Dachfenster.
Mit letzter Kraft ließ sie sich aus dem Fenster fallen. Das Zartbitterchen folgte ihr und verschwand im Mondlicht durchfluteten Wald.
Am nächsten Morgen fand der Ortspolizeichef drei Leichen mit seltsa­men braunen Flecken.
Von dem Zartbitter fehlte fast jede Spur, nur eine kleine, kaum sichtbare braune Spur führte zum Nachbarhaus.
Robert, der Nachbar hatte sich für den Abend Gäste eingeladen.
In fröhlicher Runde saßen sie vor einem Schokoladen-Fondue.
Die Zartbitterschokolade blubberte leise vor sich hin und wenn man genau hinhörte konnte man ein leises Lachen aus dem Fonduetopf hören.


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